Die Anerkennung der Kompetenzen lokaler Experten und Expertinnen
Das wissenschaftliche Fachwissen lokaler Expert*innen ist für die Verhaltensforschung von Tieren von entscheidender Bedeutung, wird jedoch oft zu wenig anerkannt und gewürdigt. Auf der Grundlage der Forschungen, welche an der Feldstation Budongo Conservation Field Station (BCFS) in Uganda durchgeführt wurden, hat Adrian Soldati, ehemaliges Mitglied des NCCR Evolving Language und Gastforscher an der Universität Zürich, dieses Phänomen in einer neuen Studie untersucht, die in den Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde.
Von dem NFS Evolving Language
In Feldstationen verfügen lokale Feldassistent*innen über hochspezialisierte wissenschaftliche Fähigkeiten und Kenntnisse, auf die sich internationale Gastforschende in hohem Masse verlassen. Im BCFS in Uganda sind lokale Feldassistenten wie Bosco Chandia (auf dem Foto) Experten darin, die Vocalisationen und Verhaltensweisen wilder Schimpansen zu erkennen und zu verstehen.
Schimpansen geben laute, charakteristische Rufe von sich, die als „Pant Hoot“ bekannt sind und welche über grosse Entfernungen durch den dichten Wald hörbar sind. Diese Rufe enthalten vielfältige akustische Informationen, darunter Hinweise darauf, wer ruft und was das Tier gerade tut. Sie werden ausserdem von Schimpansen genutzt, um die Bewegungen zwischen weit entfernten Gruppenmitgliedern zu koordinieren. Forschende stützen sich regelmässig auf diese Rufe, um Tiere zu lokalisieren, ihnen zu folgen und zu beobachten.
Die neue Studie zeigt, dass lokale Spezialist*innen beim Erkennen einzelner Schimpansen, sowie deren Alter, Geschlecht und des Kontexts, in dem die Rufe entstehen, deutlich treffsicherer sind als internationale Forschende.
Expert*innen für die Analyse von Rufen und Verhaltensweisen
Lokale Feldassistent*innen des BCFS, die seit vielen Jahren täglich Schimpansen beobachten, wurden gebeten, sich Aufnahmen von „Pant-Hoot“-Rufen einmal anzuhören und ohne Zusatzinformationen mehrere wichtige Merkmale des Rufenden zu bestimmen. Ihre Ergebnisse wurden anschliessend mit denen von internationalen Forschenden, von Feldassistent*innen in Ausbildung sowie von Personen ohne Erfahrung mit Schimpansen verglichen.
Die Ergebnisse waren beeindruckend. Lokale Feldassistent*innen identifizierten einzelne Schimpansen aus einer Gruppe von 73 Tieren weitaus genauer als internationale Forschende. Ihre durchschnittliche Trefferquote lag bei rund 50 Prozent, im Vergleich zu weniger als 10 Prozent bei den internationalen Forschenden. Auch bei der Bestimmung von Geschlecht, Alter und Kontext schnitten sie deutlich besser ab.
Entscheidend war zudem, dass die Genauigkeit mit zunehmender Erfahrung stieg – ein Hinweis darauf, wie wertvoll langfristige, kontinuierliche Feldarbeit ist. „Diese Fähigkeit ist das Ergebnis jahrelanger systematischer Beobachtung und des Lernens“, erklärt Adrian Soldati, Hauptautor der Studie. Er ergänzt: „Das Interesse daran wächst, künstliche Intelligenz zur Entschlüsselung tierischer Signale einzusetzen, aber Forschende und lokale Feldassistent*innen verstehen die Kommunikation der Tiere eigentlich schon seit Langem.“ Ein Algorithmus kann zwar Muster in Rufen erkennen, aber er war nicht im Wald, um die Tiere vor und nach ihren Lauten zu beobachten. „Feldassistent*innen können stimmliche Informationen in ein sich ständig aktualisierendes Verständnis sozialer Beziehungen und Interaktionen integrieren.“
Unterschätztes Wissen
Obwohl diese Fähigkeiten zu den zentralen wissenschaftlichen Kompetenzen gehören, die hochwertige, langfristige Feldforschung überhaupt erst ermöglichen, bleiben sie häufig unausgesprochen oder werden nicht ausreichend gewürdigt. „Diese Fähigkeit ist bemerkenswert und verdient mehr Anerkennung als wissenschaftliche Leistung“, betont Soldati.
Die Studie wirft zudem grundlegende Fragen darüber auf, wie wissenschaftliches Wissen entsteht und wem es zugeschrieben wird. Lokale Feldassistent*innen spielen eine entscheidende Rolle in der langfristigen Wildtierforschung: Sie tragen zur Datenerhebung, Ausbildung und zur Kontinuität über Jahrzehnte bei. Für Guillaume Dezecache, leitender Autor der Studie und Forschungsdirektor am französischen Nationalinstitut für nachhaltige Entwicklung (l’institut de recherche pour le développement, IRD), wird die Arbeit lokaler Feldassistentinnen in der Primatologie nicht immer ausreichend anerkannt.
Indem die Studie dieses Fachwissen explizit und messbar macht, möchten die Autorinnen Forschungseinrichtungen dazu ermutigen, lokale Expertinnen stärker als wissenschaftliche Partner*innen einzubeziehen. „Diese Studie wird hoffentlich dazu beitragen, dass sie systematischer in den Forschungsprozess eingebunden werden, und zwar bereits ab der Konzeption der Studien“, fügt Dezecache hinzu.
Dies könnte nicht nur die Datenqualität verbessern, sondern auch die Abhängigkeit von kurzen Feldbesuchen reduzieren, den CO₂-Fussabdruck der Forschung senken und insgesamt gerechtere sowie nachhaltigere wissenschaftliche Praktiken fördern.
