Eine gemeinsame Präferenz bei Menschen und Schimpansen
Eine neue Studie von Forschenden der Universität Neuenburg, veröffentlicht in The Royal Society Open Science, vergleicht die Präferenz für prosoziales Verhalten, wie etwa Kooperation, bei Menschen und Schimpansen. Die Ergebnisse zeigen überraschende Ähnlichkeiten und erweitern unser Verständnis über die Ursprünge der aussergewöhnlichen menschlichen Fähigkeiten zur Zusammenarbeit und Kommunikation.
Von dem NFS Evolving Language
Menschen sind äusserst prosoziale Wesen: Sie sind bereit zu kooperieren, anderen zu helfen und Ressourcen zu teilen, selbst wenn sie keinen offensichtlichen Nutzen davon haben. Diese Verhaltensweisen sind beim Menschen zwar komplexer, häufiger und in grösserem Umfang anzutreffen, doch sie kommen auch bei anderen Spezies vor, beispielsweise bei Putzerfischen, die mit ihren „Kunden“ zusammenarbeiten, oder bei Wölfen, die gemeinsam jagen. Auch bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, gibt es prosoziales Verhalten, wenn auch in geringerem Masse.
In einer neuen Studie, die in The Royal Society Open Science veröffentlicht wurde, haben Forschende der Universität Neuenburg und des NFS Evolving Language untersucht, woher dieser Unterschied stammen könnte, und stellten dabei eine grundlegende Frage: Warum haben sich Menschen zu hyperkooperativen Wesen mit komplexen Kommunikationssystemen entwickelt, Schimpansen hingegen nicht? Könnte der Unterschied in ihrer Fähigkeit liegen, prosoziale Handlungen wahrzunehmen?
Testen von Wahrnehmung statt Reaktion
Frühere Experimente haben die prosozialen Fähigkeiten von Schimpansen meist anhand ihres Verhaltens bei kooperativen Aufgaben untersucht. „In unserer Studie wollten wir einen anderen Weg gehen“, erklärt Sarah Brocard, Erstautorin der Arbeit. „Anstatt uns auf handlungsbasierte Reaktionen zu stützen, die leicht durch die Versuchsanordnung beeinflusst werden können, konzentrierten wir uns auf die Wahrnehmungsebene.“ Dieser Ansatz rücke das soziale Wissen stärker in den Vordergrund, so Brocard weiter, „denn das Verhalten allein spiegelt nicht unbedingt wider, ob ein Individuum in der Lage ist, prosoziales Handeln zu erkennen.“
Dazu untersuchten die Forschenden mithilfe von Touchscreens, wie Menschen und Schimpansen auf prosoziale Akteure reagieren – also auf Individuen, die sich hilfsbereit oder kooperativ verhalten. „Indem wir nicht nur die Erkennung, sondern auch die Präferenz testen, gewinnen wir ein besseres Verständnis der kognitiven Prozesse, die dabei eine Rolle spielen“, erklärt Brocard. „So lässt sich auch nachvollziehen, wie stark die Motivation gegenüber einem bestimmten Verhalten nach dessen Wahrnehmung ist.“
Den Probanden wurden kurze Videos gezeigt, in denen ein Akteur auf einen anderen entweder prosozial, neutral oder antisozial reagierte, was zuvor von unabhängigen Bewerterinnen und Bewertern festgelegt worden ist. Nach jedem Video konnten sie auf dem Bildschirm einen der beiden Akteure berühren und damit ihre Präferenz anzeigen.
Wie der Mensch, so der Schimpanse
Beim Vergleich der Reaktionen von Menschen und Schimpansen stellten die Forschenden keine nennenswerten Unterschiede fest. „Bei beiden Arten wurde die Wahl in ähnlicher Weise durch die wahrgenommene Prosozialität des Akteurs beeinflusst“, erklärt Sarah Brocard. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich Menschen und Schimpansen darin nicht unterscheiden, wie sie Akteure in Interaktionen zwischen Dritten wahrnehmen und zwischen ihnen wählen.“
Zwar überraschte es die Forschenden nicht, dass Schimpansen eine gewisse Präferenz für prosoziale Akteure zeigten, sie hatten jedoch erwartet, dass die Tiere auch antisoziale Akteure bevorzugen könnten, wie frühere Studien nahegelegt hatten. „Das Ausbleiben einer solchen Präferenz war unerwartet und stärkt die Annahme, dass Menschen und Schimpansen ähnliche Vorlieben zeigen“, so Brocard.
In zukünftigen Untersuchungen möchte das Team Schimpansen aus unterschiedlichen Gruppen testen, die sich in ihrem Mass an sozialer Toleranz unterscheiden – ein Faktor, der prosoziales Verhalten beeinflussen könnte. „Idealerweise würden wir auch unser Video-Set erweitern, um ein breiteres Spektrum an Verhaltensweisen abzudecken, von deutlich antisozial bis stark prosozial“, ergänzt sie.
Sprache und Evolution
„Kooperation – und letztlich Hyperkooperation – kann sich nur entwickeln, wenn Individuen in der Lage sind, Interaktionen als kooperativ oder prosozial wahrzunehmen“, erklärt Sarah Brocard. Diese Wahrnehmungsfähigkeit sei eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass solches Verhalten überhaupt entstehen könne.
Das Forschungsteam hatte bereits zuvor gezeigt, dass Menschen und Schimpansen eine gemeinsame kognitive Tendenz gegenüber Akteuren – also den Handelnden einer Aktion – teilen. Diese geteilte Präferenz könnte beeinflusst haben, wie unsere Vorfahren soziale Ereignisse wahrnahmen. Gleichzeitig könnte sie dazu beigetragen haben, Wahrnehmungsprozesse zu strukturieren, die die Entwicklung komplexerer Kommunikation und schliesslich der Sprache ermöglichten. „In dieser Studie wollten wir herausfinden, ob diese kognitive Tendenz durch die Prosozialität des Akteurs beeinflusst werden kann“, erläutert Brocard. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die heutigen Unterschiede zwischen Schimpansen und Menschen in Bezug auf Kooperation und Kommunikation nicht darauf zurückgehen, wie unser letzter gemeinsamer Vorfahr soziales Verhalten wahrnahm, sondern darauf, was sich später auf dieser gemeinsamen Wahrnehmungsgrundlage entwickelt hat“, fasst sie zusammen.
