Isolierte menschliche Gruppen sprechen vielfältigere Sprachen
Die Vielfalt von Sprachen ist überwältigend: tausende verschiedene Sprachen haben äusserst unterschiedliche Strukturen. Die Vielfalt der menschlichen DNA widerspiegelt komplexe Bevölkerungsgeschichte. Hängen diese Formen menschlicher Vielfalt zusammen? Korreliert sprachliche Vielfalt mit der genetischen Vielfalt ihrer Sprecher:innen?
Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft und die Öffentlichkeit seit über einem Jahrhundert. Eine neue internationale Studie unter Leitung der Universität Zürich, die in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht wurde, legt nahe, dass die Antwort «Ja» lautet – allerdings nicht so, wie man es erwarten könnte. Regionen mit geringerer genetischer Vielfalt unter Sprecher:innen weisen Sprachen mit hoher struktureller Vielfalt auf, und umgekehrt. Anders ausgedrückt: Je vielfältiger unsere DNA ist, desto ähnlicher sprechen wir!
Kontakt zwischen Gruppen erhöht die genetische Vielfalt, verringert jedoch die sprachliche Vielfalt, während Isolation das Gegenteil bewirkt: Sie verringert die genetische Vielfalt, ermöglicht aber gleichzeitig sprachliche Diversifizierung. Dieser Zusammenhang zwischen den Beziehungen von Sprecher:innen und Sprachwandel offenbart einen wichtigen Treiber der Sprachentwicklung. © NCCR Evolving Language
Auf den ersten Blick erscheinen die Ergebnisse überraschend. Man könnte erwarten, dass Regionen mit grösserer genetischer Vielfalt, die oft durch Migration und Bevölkerungskontakt geprägt sind, auch eine grössere sprachliche Vielfalt aufweisen würden. Die Studie zeigt jedoch das Gegenteil.
«Wir waren erstaunt, wie ausgeprägt und robust dieser umgekehrte Zusammenhang weltweit ist», sagt Anna Graff, Erstautorin der Studie und Linguistin an der Universität Zürich. «Orte, an denen Menschen in engerem genetischem Kontakt standen, haben eine grössere genetische Vielfalt – ihre Sprachen sind sich jedoch strukturell ähnlicher. Im Gegensatz dazu zeigen Orte mit langfristiger Isolation eine geringere genetische Vielfalt, dafür aber eine viel grössere Vielfalt in den Strukturen ihrer Sprachen.» Dieser Zusammenhang besteht auch nach Bereinigung um eine Reihe von anderen Einflüssen, darunter lang zurückliegende Entwicklungen wie z.B. unterschiedliche Besiedlungszeiten der Kontinente durch Menschen.
Um dieses Muster aufzudecken, kombinierten die Forscher:innen umfangreiche genetische und linguistische Datensätze und analysierten, wie genetische Variation über Individuen hinweg mit struktureller Variation zwischen Sprachen innerhalb derselben Region zusammenhängen. Sie berücksichtigten dabei Faktoren wie geographische Nähe, Bevölkerungsdichte und Umweltfaktoren, wodurch sie die Rolle der Bevölkerungsgeschichte isoliert betrachten konnten.
Das Ergebnis ist ein eindeutiges globales Signal: Dieselben Faktoren, die die Genetik menschlicher Population prägen, also Kontakt, Migration und Isolation, prägen auch die Vielfalt an sprachlichen Strukturen, allerdings auf gegensätzliche Weise. «Die Erklärung für den entdeckten Zusammenhang ist, dass Kontakt und Isolation gegensätzliche Auswirkungen auf Gene und Sprachen haben», erklärt Chiara Barbieri, leitende Autorin und Populationsgenetikerin an der Universität Cagliari. «Kontakt erhöht die genetische Vielfalt, fördert aber auch die Verbreitung sprachlicher Merkmale, wodurch Sprachen einander ähnlicher werden. Isolation reduziert hingegen die genetische Vielfalt, während sie sich Sprachen unabhängig voneinander entwickeln lässt.»
Diese Dynamik erklärt, warum sich manche Regionen der Welt als Hochburgen sprachlicher Vielfalt hervorheben. Gebiete wie Neuguinea und der Himalaya sind genetisch relativ isoliert; gleichzeitig sind ihre Sprachen Hotspots sprachlicher Vielfalt. «Solche Hotspots geben uns einen Einblick, wozu Sprachen fähig sind, wenn sie sich unter Bedingungen relativer Isolation entwickeln», sagt Balthasar Bickel, leitender Autor und Direktor des NFS Evolving Language. «Sie bewahren ein grösseres Spektrum an Möglichkeiten, Grammatik, Lautsysteme und Bedeutung zu strukturieren – ein Spektrum, das andernorts durch lange Kontaktgeschichten nicht mehr sichtbar ist.»
Die Studie dokumentiert nicht nur ein auffälliges globales Muster, sondern verdeutlicht auch eine weiterreichende Schlussfolgerung: Sprachliche Vielfalt ist eng mit der Menschheitsgeschichte verflochten. «Was zunächst paradox erscheinen mag, entpuppt sich als einfaches, eigentlich intuitives Prinzip», schliesst Graff. «Dieselben Prozesse, die Bevölkerungsgruppen voneinander trennen, führen auch dazu, dass Sprachen unterschiedlicher werden.»
