Herzlich willkommen beim Polyvox-Podcast, einem Podcast, in dem Forscher*innen des NCCR Evolving Language über ihre neuesten Erkenntnisse, ihre Arbeit und ihren beruflichen Werdegang sprechen! Zwischen Linguistik, Neurowissenschaft, Tierkommunikation, und weiteren Themen ist sicher auch etwas für Sie dabei!
Die Episoden können zwar auf Englisch, Französisch oder Deutsch sein, werden aber alle transkribiert und übersetzt! Alle Transkriptionen und Übersetzungen der nächsten Episoden finden Sie hier!
Célia (Gastgeberin): Hallo und herzlich willkommen. Ich bin Célia Lazzarotto, Kommunikationsbeauftragte des NCCR Evolving Language, und heute empfange ich Théophane Piette, Forscher am NFS Evolving Language. Er ist teil der Forschungsgruppe von Prof. Didier Grandjean an der Universität Genf. Seine Spezialität ist die Neuroethologie.
Théophane (Gast): Hallo!
Célia: Also, Théophane, was ist Neuroethologie?
Théophane: Neuroethologie ist, in etwas verständlicheren Worten, die Neurowissenschaft des Tierverhaltens. Wir versuchen also, das Verhalten der Tiere zu erklären, indem wir ihr Gehirn untersuchen und versuchen zu verstehen, was uns ihr Gehirn über dieses Verhalten sagt und wie stark es dieses Verhalten beeinflusst oder kontrolliert.
Célia: Du hast kürzlich deinen Doktoratsstudium abgeschlossen, in dem du Tierkommunikation erorscht hast. Was ist genau der Zusammenhang? Was interessiert dich daran?
Théophane: Ich habe mich für die Evolution des Rhythmus in den Lautäusserungen und der „Tiersprache“ interessiert. Die Idee dahinter ist, dass Rhythmus etwas sehr Wichtiges in der menschlichen Sprache ist. Wenn wir das menschliche Gehirn betrachten, sehen wir, dass sich der Rhythmus bestimmter Gehirnwellen an den Rhythmus von Teilen der Sprache anpasst, wie Silben oder Phonemen. Wir haben uns gefragt, ob Rhythmus auch bei Tieren eine so grosse Bedeutung hat und ob man das mit Mechanismen in ihrem Gehirn verknüpfen kann.
Célia: Hast du aus Zufall damit angefangen? Oder wie bist du in dieses Forschungsfeld geraten?
Théophane: Ah, das wird eine etwas längere Geschichte. Ich habe ursprünglich einen Hintergrund in zellulärer und molekularer Neurowissenschaft, also habe ich viel über die Funktionsweise von Zellen und Neuronen gelernt. Dann machte ich einen Master in Neurowissenschaften/Neurobiologie in Grenoble. Am Ende meines ersten Semesters machte ich ein Praktikum in Immunfluoreszenz in einem Projekt über Alzheimer. Im Grunde war ich drei Monate lang in einem dunklen Raum eingesperrt -mitten im Frühling und Sommer, sah kein Sonnenlicht und beobachtete fluoreszierende Zellen, und in 80 % der Fälle funktionierte es nicht. Nach diesen drei Monaten dachte ich mir: „Nein, ich werde depressiv.“
Also nahm ich ein Jahr Pause, um herauszufinden, was ich sonst machen wollte. Schliesslich machte ich ein sechsmonatiges Praktikum bei Professor Adrien Meguerditchian in Marseille über die Entwicklung des Verhaltens von kleinen Pavianbabys. – Anubis-Paviane,winzige, sehr süsse Tiere, und gleichzeitig hatte er Projekte über die Lateralisation von Kommunikation bei Pavianen. Paviane haben eine Form der Kommunikation mit Gesten, bei der sie auf den Boden schlagen, und er untersuchte, ob sie dies eher mit der rechten oder linken Hand tun. Er zeigte, dass Paviane viel häufiger die rechte Hand benutzen, was bedeutet, dass die Information aus der linken Gehirnhälfte kommt. Und das ist sehr interessant, weil bei uns Menschen alles, was mit Sprache zu tun hat, stark in der linken Hemisphäre verankert ist.Es gibt also eine evolutionäre Kontinuität in dieser Lateralisation der Kommunikation.
Dieses Praktikum fand ich absolut unglaublich, und ich sagte mir: „Okay, das muss ich weitermachen.“ Und ich hatte das Glück, dort Didier Grandjean zu treffen, der heute mein Professor ist. Er sagte zu mir: „Komm nach Genf, wir machen grossartige Sachen.“ Also kam ich zurück, beendete meinen Master und begann dann meine Masterarbeit in Genf. Dort entdeckte ich, dass der NFS Evolving Language gerade gestartet wurde. Also kontaktierte ich einige Professor*innen und bekam schliesslich dieses Thema bei Professorin Anne-Lise Giraud, die inzwischen in Paris ist, über die Evolution des Rhythmus in der Tierkommunikation.
Célia: Während deines Projekts hast du mit sehr vielen Tieren gearbeitet, oder? Hast du sie auch in echt untersucht? Wie bist du vorgegangen?
Théophane: Ja, tatsächlich ist die Doktorarbeit ein grosses Projekt, das in mehrere kleinere Projekte aufgeteilt wird. Diese ergeben dann zusammen ein grösseres, sinnvolles Ganzes. In meiner Doktorarbeit war das erste Projekt wirklich die Untersuchung der Evolution des Rhythmus in der Tierkommunikation. Dafür habe ich die Lautäusserungen von etwa hundert Arten untersucht: von Vögeln, wie den kleinen Spatzen in der Stadt, bis hin zu weniger bekannten Arten wie den Hoatzins in Südamerika ,aber auch Säugetiere wie Wale, Delfine, Luchse, Hirsche und einige Insekten und sogar Fische (ich habe während der Promotion gelernt, dass Fische tatsächlich mit Geräuschen kommunizieren!). Wir haben also die Evolution des Rhythmus bei all diesen Arten untersucht. Das war unser erstes Thema.
Das zweite Thema war dann zu untersuchen, ob, so wie beim Menschen während der Sprachverarbeitung,die Gehirnoszillationen der Tiere ihren Lautäusserungen folgen. Zu sehen, ob dieser Mechanismus typisch menschlich ist, aufgrund der sehr komplexen Struktur der Sprache, oder ob er viel verbreiteter ist und eher mit der allgemeinen Analyse von Geräuschen im Tiergehirn zusammenhängt. Und das haben wir bei zwei Arten untersucht: Hunden und Pavianen.
Célia: Und was sind die Ergebnisse? Haben diese Wellen wirklich eine Bedeutung?
Théophane: Wir haben in der ersten Studie gezeigt, dass es eine Art gemeinsamen Rhythmus der Tierkommunikation gibt, der bei allen Arten erhalten ist, etwa bei 3 Hertz, also 3 Lauten pro Sekunde. Wir stellten fest, dass die Mehrheit der Arten, von Walen zu Grillen über Spatzen, mit diesem ungefähr gleichen Rhythmus kommuniziert. Das war schon ziemlich erstaunlich.
Célia: Und gibt es trotzdem Variationen, zum Beispiel je nach Grösse des Tieres oder zwischen Arten? Oder sind sich beispielsweise Säugetiere ähnlicher ?
Théophane: Genau das war das Überraschende: Wir fanden nichts, das diesen Rhythmus auf grosser Ebene beeinflusst. Ich sage nicht, dass Umwelt oder Körpergewicht nicht innerhalb einer Art oder Familie eine Rolle spielen können, sicher können sie den spezifischen Rhythmus beeinflussen. Aber auf einer grösseren, makroevolutionären Ebene haben diese Faktoren keinen Einfluss. Der Rhythmus bleibt erhalten, unabhängig von Gewicht, Umwelt, sozialer Komplexität usw.
Célia: Und dein zweites Projekt mit Pavianen und Hunden – was kam dabei heraus?
Théophane: Das ist noch etwas im Gang. Bei den Hunden habe ich eine bereits bestehende Studie weitergeführt, die von Dr. Éloïse Déaux in Anne-Lise Girauds Team entwickelt wurde. Die Idee war, herauszufinden, wie Hunde Sprache verarbeiten.Sie leben ja seit Jahrtausenden mit uns Menschen zusammen und verstehen viele Wörter. Wie gesagt. Liegt der Sprachrhythmus von Silben beim Menschen im Theta-Bereich, also ca. 4-8 Silben pro Sekunde, liegt, und dass menschliche Theta-Wellen diesem Rhythmus folgen. Die Studie zeigte jedoch, dass Hunde eher langsamere Wellen benutzen, welche wirDelta-Wellen nennen (1–4 Hz) , die also dem gemeinsamen Tierkommunikationsrhythmus entsprechen. Sie analysieren Sprache in einem langsameren Rythmus und nicht mit den schnelleren Theta-Wellen wie wirMenschen.
Célia: Wir Menschen passen uns ja an diesen Rhythmus an.
Théophane: Genau! Und deswegen reden wir mit Hunden auch „anders – langsamer, höher, ähnlich wie mit Babys. Wahrscheinlich passen wir uns ihrem Rhythmus an; – mehr als sie sich unserem.
Célia: Und mit den Pavianen, hast du versucht dasselbe zu machen?
Théophane: Mit Pavianen haben wir eine etwas andere Frage gestellt: Wie analysieren sie ihre eigenen Lautäusserungen? Also liessen wir sie nicht nur menschliche Sprache hören, sondern auch Pavianrufe, um zu sehen, ob ihr Gehirn diese anders verarbeitet als Sprache oder künstliche Geräusche.
Célia: Und die Ergebnisse?
Théophane: Diese sind noch sehr ehr vorläufig. Aber es scheint, dass Paviane im Vergleich zu Hunden, welche nur Sprache nur im langsameren Rhythmus verarbeiten können, beide Geschwindigkeiten verarbeiten können: langsamere Rhythmen bei eigenen Lauten (um 3 Hz) und schnellere bei menschlicher Sprache (um 5 Hz) verfolgen. Es scheint also eine Art evolutionäre Zwischenstufe zu geben, hin zu höheren Rhythmen, die vielleicht später komplexere Kommunikation ermöglicht haben. Aber das ist wirklich noch sehr spekulativ.
Célia: Und insgesamt: was ergibt das alles zusammen?
Théophane: Man hat 1) einen konservierten, gemeinsamen Tierkommunikationsrhythmus, 2) Paviane, können sowohl langsame als auch schnellere Rhythmen verfolgen , 3) Hunde, können nur langsamere verfolgen, und 4) Menschen, verfolgen eher schnellere. Damit können wir die Theorie entwickeln, dass Kommunikation sich an zwei grundlegende akustische Analyserhythmen angepasst hat,einen schnellen und einen langsamen, die auf physikalischen Grundlagen der Fourier-Analyse beruhen. Kommunikation wäre demzufolge also nicht „neu“, sondern eine Anpassung an bereits bestehende Mechanismen.
Célia: Sehr interessant! Und all diese theoretische Forschung, wie kann sie der Gesellschaft helfen?
Théophane: Man kann die Studien einzeln betrachten. Bei den Hunden heisst es zum Beispiel schlicht: Sprich langsam, wenn dein Hund dich verstehen soll.
Bei der Tierkommunikation kann man draussen hören, dass viele Tiere tatsächlich einem gemeinsamen Rhythmus folgen. Ausserdem kann dieses Wissen Systeme zur automatischen Erkennung von Tierlauten verbessern, z. B. für das Artenmonitoring.
Bei der evolutionären Seite ist alles viel theoretischer. Aber zu verstehen, wie Sprache entstanden ist, kann etwa bei Hörhilfen wichtig werden, um Sprache jenen Menschen zurückzugeben, die sie verloren haben.
Célia: Du hast vor ein paar Monaten deinen Doktor beendet.Was machst du jetzt?
Théophane: Es klingt erst deprimierend, aber endet gut. Normalerweise macht man nach der Doktorarbeit einen oder mehrere Postdocs, dann strebt man eine Professur an. Ich jedoch mache das nicht weiter.Nicht, weil ich Forschung nicht liebe, ich fand meinen Doktor grossartig. Ich bin sogar noch als Postdoc in der Gruppe von Didier Grandjean.
Aber ich sehe einen Widerspruch: Wir verlieren so viele Arten durch Klimawandel und menschliche Aktivitäten. Ich fand es schwer, mich weiter ausschliesslich für das Verstehen von Tieren zu begeistern, während ihre Existenz bedroht ist. Also möchte ich meine Energie nun in den Schutz der Biodiversität investieren, statt in ihre Erforschung. Vielleicht ändert sich das eines Tages wieder – aber jetzt ist es so.
Célia: Und nebenbei arbeitest du ja noch ein bisschen für den NFS?
Théophane: Ja, ich habe eine Teilzeitstelle als Lehrbeauftragter an der Universität Genf, um Masterstudierende bei ihren Arbeiten in affektiver Psychologie zu begleiten.
Célia: Und wir werden dich bald wieder in diesem Podcast hören, allerdings als Moderator
Théophane: Genau, dann sitze ich auf der anderen Seite des Mikrofons.
Célia: Also gut: Vielen Dank, Théophane, dass du uns von deiner Forschung erzählt hast. Wir hören uns bald wieder für neue Folgen und lernen dabei weitere Forschende des NFS Evolving Language kennen.
Théophane: Auf Wiedersehen, danke dir und bis bald!
Célia (Gastgeberin): Hallo und herzlich willkommen. Ich bin Célia Lazzarotto, Kommunikationsbeauftragte des NCCR Evolving Language, und heute empfange ich Théophane Piette, Forscher am NFS Evolving Language. Er ist teil der Forschungsgruppe von Prof. Didier Grandjean an der Universität Genf. Seine Spezialität ist die Neuroethologie.
Théophane (Gast): Hallo!
Célia: Also, Théophane, was ist Neuroethologie?
Théophane: Neuroethologie ist, in etwas verständlicheren Worten, die Neurowissenschaft des Tierverhaltens. Wir versuchen also, das Verhalten der Tiere zu erklären, indem wir ihr Gehirn untersuchen und versuchen zu verstehen, was uns ihr Gehirn über dieses Verhalten sagt und wie stark es dieses Verhalten beeinflusst oder kontrolliert.
Célia: Du hast kürzlich deinen Doktoratsstudium abgeschlossen, in dem du Tierkommunikation erorscht hast. Was ist genau der Zusammenhang? Was interessiert dich daran?
Théophane: Ich habe mich für die Evolution des Rhythmus in den Lautäusserungen und der „Tiersprache“ interessiert. Die Idee dahinter ist, dass Rhythmus etwas sehr Wichtiges in der menschlichen Sprache ist. Wenn wir das menschliche Gehirn betrachten, sehen wir, dass sich der Rhythmus bestimmter Gehirnwellen an den Rhythmus von Teilen der Sprache anpasst, wie Silben oder Phonemen. Wir haben uns gefragt, ob Rhythmus auch bei Tieren eine so grosse Bedeutung hat und ob man das mit Mechanismen in ihrem Gehirn verknüpfen kann.
Célia: Hast du aus Zufall damit angefangen? Oder wie bist du in dieses Forschungsfeld geraten?
Théophane: Ah, das wird eine etwas längere Geschichte. Ich habe ursprünglich einen Hintergrund in zellulärer und molekularer Neurowissenschaft, also habe ich viel über die Funktionsweise von Zellen und Neuronen gelernt. Dann machte ich einen Master in Neurowissenschaften/Neurobiologie in Grenoble. Am Ende meines ersten Semesters machte ich ein Praktikum in Immunfluoreszenz in einem Projekt über Alzheimer. Im Grunde war ich drei Monate lang in einem dunklen Raum eingesperrt -mitten im Frühling und Sommer, sah kein Sonnenlicht und beobachtete fluoreszierende Zellen, und in 80 % der Fälle funktionierte es nicht. Nach diesen drei Monaten dachte ich mir: „Nein, ich werde depressiv.“
Also nahm ich ein Jahr Pause, um herauszufinden, was ich sonst machen wollte. Schliesslich machte ich ein sechsmonatiges Praktikum bei Professor Adrien Meguerditchian in Marseille über die Entwicklung des Verhaltens von kleinen Pavianbabys. – Anubis-Paviane,winzige, sehr süsse Tiere, und gleichzeitig hatte er Projekte über die Lateralisation von Kommunikation bei Pavianen. Paviane haben eine Form der Kommunikation mit Gesten, bei der sie auf den Boden schlagen, und er untersuchte, ob sie dies eher mit der rechten oder linken Hand tun. Er zeigte, dass Paviane viel häufiger die rechte Hand benutzen, was bedeutet, dass die Information aus der linken Gehirnhälfte kommt. Und das ist sehr interessant, weil bei uns Menschen alles, was mit Sprache zu tun hat, stark in der linken Hemisphäre verankert ist.Es gibt also eine evolutionäre Kontinuität in dieser Lateralisation der Kommunikation.
Dieses Praktikum fand ich absolut unglaublich, und ich sagte mir: „Okay, das muss ich weitermachen.“ Und ich hatte das Glück, dort Didier Grandjean zu treffen, der heute mein Professor ist. Er sagte zu mir: „Komm nach Genf, wir machen grossartige Sachen.“ Also kam ich zurück, beendete meinen Master und begann dann meine Masterarbeit in Genf. Dort entdeckte ich, dass der NFS Evolving Language gerade gestartet wurde. Also kontaktierte ich einige Professor*innen und bekam schliesslich dieses Thema bei Professorin Anne-Lise Giraud, die inzwischen in Paris ist, über die Evolution des Rhythmus in der Tierkommunikation.
Célia: Während deines Projekts hast du mit sehr vielen Tieren gearbeitet, oder? Hast du sie auch in echt untersucht? Wie bist du vorgegangen?
Théophane: Ja, tatsächlich ist die Doktorarbeit ein grosses Projekt, das in mehrere kleinere Projekte aufgeteilt wird. Diese ergeben dann zusammen ein grösseres, sinnvolles Ganzes. In meiner Doktorarbeit war das erste Projekt wirklich die Untersuchung der Evolution des Rhythmus in der Tierkommunikation. Dafür habe ich die Lautäusserungen von etwa hundert Arten untersucht: von Vögeln, wie den kleinen Spatzen in der Stadt, bis hin zu weniger bekannten Arten wie den Hoatzins in Südamerika ,aber auch Säugetiere wie Wale, Delfine, Luchse, Hirsche und einige Insekten und sogar Fische (ich habe während der Promotion gelernt, dass Fische tatsächlich mit Geräuschen kommunizieren!). Wir haben also die Evolution des Rhythmus bei all diesen Arten untersucht. Das war unser erstes Thema.
Das zweite Thema war dann zu untersuchen, ob, so wie beim Menschen während der Sprachverarbeitung,die Gehirnoszillationen der Tiere ihren Lautäusserungen folgen. Zu sehen, ob dieser Mechanismus typisch menschlich ist, aufgrund der sehr komplexen Struktur der Sprache, oder ob er viel verbreiteter ist und eher mit der allgemeinen Analyse von Geräuschen im Tiergehirn zusammenhängt. Und das haben wir bei zwei Arten untersucht: Hunden und Pavianen.
Célia: Und was sind die Ergebnisse? Haben diese Wellen wirklich eine Bedeutung?
Théophane: Wir haben in der ersten Studie gezeigt, dass es eine Art gemeinsamen Rhythmus der Tierkommunikation gibt, der bei allen Arten erhalten ist, etwa bei 3 Hertz, also 3 Lauten pro Sekunde. Wir stellten fest, dass die Mehrheit der Arten, von Walen zu Grillen über Spatzen, mit diesem ungefähr gleichen Rhythmus kommuniziert. Das war schon ziemlich erstaunlich.
Célia: Und gibt es trotzdem Variationen, zum Beispiel je nach Grösse des Tieres oder zwischen Arten? Oder sind sich beispielsweise Säugetiere ähnlicher ?
Théophane: Genau das war das Überraschende: Wir fanden nichts, das diesen Rhythmus auf grosser Ebene beeinflusst. Ich sage nicht, dass Umwelt oder Körpergewicht nicht innerhalb einer Art oder Familie eine Rolle spielen können, sicher können sie den spezifischen Rhythmus beeinflussen. Aber auf einer grösseren, makroevolutionären Ebene haben diese Faktoren keinen Einfluss. Der Rhythmus bleibt erhalten, unabhängig von Gewicht, Umwelt, sozialer Komplexität usw.
Célia: Und dein zweites Projekt mit Pavianen und Hunden – was kam dabei heraus?
Théophane: Das ist noch etwas im Gang. Bei den Hunden habe ich eine bereits bestehende Studie weitergeführt, die von Dr. Éloïse Déaux in Anne-Lise Girauds Team entwickelt wurde. Die Idee war, herauszufinden, wie Hunde Sprache verarbeiten.Sie leben ja seit Jahrtausenden mit uns Menschen zusammen und verstehen viele Wörter. Wie gesagt. Liegt der Sprachrhythmus von Silben beim Menschen im Theta-Bereich, also ca. 4-8 Silben pro Sekunde, liegt, und dass menschliche Theta-Wellen diesem Rhythmus folgen. Die Studie zeigte jedoch, dass Hunde eher langsamere Wellen benutzen, welche wirDelta-Wellen nennen (1–4 Hz) , die also dem gemeinsamen Tierkommunikationsrhythmus entsprechen. Sie analysieren Sprache in einem langsameren Rythmus und nicht mit den schnelleren Theta-Wellen wie wirMenschen.
Célia: Wir Menschen passen uns ja an diesen Rhythmus an.
Théophane: Genau! Und deswegen reden wir mit Hunden auch „anders – langsamer, höher, ähnlich wie mit Babys. Wahrscheinlich passen wir uns ihrem Rhythmus an; – mehr als sie sich unserem.
Célia: Und mit den Pavianen, hast du versucht dasselbe zu machen?
Théophane: Mit Pavianen haben wir eine etwas andere Frage gestellt: Wie analysieren sie ihre eigenen Lautäusserungen? Also liessen wir sie nicht nur menschliche Sprache hören, sondern auch Pavianrufe, um zu sehen, ob ihr Gehirn diese anders verarbeitet als Sprache oder künstliche Geräusche.
Célia: Und die Ergebnisse?
Théophane: Diese sind noch sehr ehr vorläufig. Aber es scheint, dass Paviane im Vergleich zu Hunden, welche nur Sprache nur im langsameren Rhythmus verarbeiten können, beide Geschwindigkeiten verarbeiten können: langsamere Rhythmen bei eigenen Lauten (um 3 Hz) und schnellere bei menschlicher Sprache (um 5 Hz) verfolgen. Es scheint also eine Art evolutionäre Zwischenstufe zu geben, hin zu höheren Rhythmen, die vielleicht später komplexere Kommunikation ermöglicht haben. Aber das ist wirklich noch sehr spekulativ.
Célia: Und insgesamt: was ergibt das alles zusammen?
Théophane: Man hat 1) einen konservierten, gemeinsamen Tierkommunikationsrhythmus, 2) Paviane, können sowohl langsame als auch schnellere Rhythmen verfolgen , 3) Hunde, können nur langsamere verfolgen, und 4) Menschen, verfolgen eher schnellere. Damit können wir die Theorie entwickeln, dass Kommunikation sich an zwei grundlegende akustische Analyserhythmen angepasst hat,einen schnellen und einen langsamen, die auf physikalischen Grundlagen der Fourier-Analyse beruhen. Kommunikation wäre demzufolge also nicht „neu“, sondern eine Anpassung an bereits bestehende Mechanismen.
Célia: Sehr interessant! Und all diese theoretische Forschung, wie kann sie der Gesellschaft helfen?
Théophane: Man kann die Studien einzeln betrachten. Bei den Hunden heisst es zum Beispiel schlicht: Sprich langsam, wenn dein Hund dich verstehen soll.
Bei der Tierkommunikation kann man draussen hören, dass viele Tiere tatsächlich einem gemeinsamen Rhythmus folgen. Ausserdem kann dieses Wissen Systeme zur automatischen Erkennung von Tierlauten verbessern, z. B. für das Artenmonitoring.
Bei der evolutionären Seite ist alles viel theoretischer. Aber zu verstehen, wie Sprache entstanden ist, kann etwa bei Hörhilfen wichtig werden, um Sprache jenen Menschen zurückzugeben, die sie verloren haben.
Célia: Du hast vor ein paar Monaten deinen Doktor beendet.Was machst du jetzt?
Théophane: Es klingt erst deprimierend, aber endet gut. Normalerweise macht man nach der Doktorarbeit einen oder mehrere Postdocs, dann strebt man eine Professur an. Ich jedoch mache das nicht weiter.Nicht, weil ich Forschung nicht liebe, ich fand meinen Doktor grossartig. Ich bin sogar noch als Postdoc in der Gruppe von Didier Grandjean.
Aber ich sehe einen Widerspruch: Wir verlieren so viele Arten durch Klimawandel und menschliche Aktivitäten. Ich fand es schwer, mich weiter ausschliesslich für das Verstehen von Tieren zu begeistern, während ihre Existenz bedroht ist. Also möchte ich meine Energie nun in den Schutz der Biodiversität investieren, statt in ihre Erforschung. Vielleicht ändert sich das eines Tages wieder – aber jetzt ist es so.
Célia: Und nebenbei arbeitest du ja noch ein bisschen für den NFS?
Théophane: Ja, ich habe eine Teilzeitstelle als Lehrbeauftragter an der Universität Genf, um Masterstudierende bei ihren Arbeiten in affektiver Psychologie zu begleiten.
Célia: Und wir werden dich bald wieder in diesem Podcast hören, allerdings als Moderator
Théophane: Genau, dann sitze ich auf der anderen Seite des Mikrofons.
Célia: Also gut: Vielen Dank, Théophane, dass du uns von deiner Forschung erzählt hast. Wir hören uns bald wieder für neue Folgen und lernen dabei weitere Forschende des NFS Evolving Language kennen.
Théophane: Auf Wiedersehen, danke dir und bis bald!
