Weissbüschelaffen-Paare klingen mit der Zeit immer ähnlicher
So wie Menschen unbewusst Wörter, Akzente und Sprachgewohnheiten von ihrem Umfeld übernehmen, passen auch Weissbüschelaffen ihre Rufe zunehmend aneinander an, wenn sie eine enge Bindung eingehen. Diese faszinierende Entdeckung gibt Einblicke in die evolutionären Ursprünge jener Mechanismen, die soziales Lernen, Kooperation und Kommunikation ermöglichen.
Von dem NCCR Evolving Language
Ein Weissbüschelaffen-Paar. © Nikhil Phaniraj
Wenn Menschen viel Zeit in einer Gruppe verbringen, passen sie ihre Sprache ganz natürlich an. Wir übernehmen neue Redewendungen und Akzente oder verändern unbewusst unser Sprechtempo. Dieser Prozess des vokalen Lernens fördert den Zusammenhalt innerhalb menschlicher Gruppen und ermöglicht komplexe Formen der Kooperation.
Im Tierreich gibt es zunehmend Hinweise auf ein verwandtes, wenn auch subtileres Verhalten, das als vokale Akkommodation bezeichnet wird. Dabei passen Individuen ihre Stimme so an, dass sie der ihrer sozialen Partner stärker ähnelt.
In einer neuen Studie, die in Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde, untersuchten Forschende der Universität Zürich und des NCCR Evolving Language, ob auch Weissbüschelaffen ihre Rufe an jene ihrer Partner anpassen können und somit vokale Akkommodation zeigen. Das Verständnis der biologischen Grundlagen und der kognitiven Prozesse hinter diesem Mechanismus könnte dazu beitragen, die Ursprünge der menschlichen Sprache und ihre Entwicklung besser zu verstehen.
Dynamische Muster vokaler Akkommodation
Forschende der Universität Zürich zeichneten die Vokalisationen von sieben Weissbüschelaffen-Paaren auf, um zu analysieren, wie ähnlich sich die Rufe der Partner waren. Während viele frühere Studien die Vokalisationen lediglich vor und nach der Bildung einer sozialen Bindung verglichen, sammelten Nikhil Phaniraj und sein Team kontinuierlich Daten über den gesamten Prozess der Paarbildung hinweg. „Dadurch konnten wir beobachten, wie sich die stimmlichen Veränderungen im Laufe der Zeit entwickelten, fast so, als würden wir einen Film anschauen, statt zwei Momentaufnahmen miteinander zu vergleichen“, erklärt der Erstautor.
Die Analyse wurde durch mathematische Modelle ergänzt, die nachzeichneten, wie sich die Rufe der Weissbüschelaffen während der Paarbildung veränderten und einander zunehmend ähnlicher wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass beide Partner die Veränderungen in den Vokalisationen des jeweils anderen kontinuierlich wahrnehmen und ihre eigenen Rufe entsprechend anpassen. „Es handelt sich um einen fortlaufenden, interaktiven Prozess“, sagt Nikhil Phaniraj. „In gewisser Weise führten die Weissbüschelaffen einen Tanz mit ihren Stimmen auf, bei dem jeder Partner seine Rufe fortwährend auf die des anderen abstimmte.“
Auf Grundlage dieser Ergebnisse kann das Forschungsteam mit grösserer Sicherheit sagen, dass Weissbüschelaffen eine dynamische Form des vokalen Lernens zeigen, die anspruchsvollere kognitive Prozesse beinhaltet als bisher angenommen. „Das eröffnet die Möglichkeit, dass einige der Bausteine, die für fortgeschrittenere Formen des vokalen Lernens notwendig sind, im Tierreich deutlich weiter verbreitet sind, als wir bislang angenommen haben“, so der Forscher.
Warum passen sie sich an?
Weissbüschelaffen sind hochgradig kooperative Tiere. Sie ziehen beispielsweise ihren Nachwuchs gemeinsam auf. Ihre sozialen Beziehungen und ihr Kommunikationssystem sind daher besonders komplex. „Sie sind eine faszinierende Art, um zu untersuchen, wie sich Beziehungen entwickeln und wie sich Kommunikation während ihrer Entstehung verändert“, sagt Nikhil Phaniraj.
Der Studie zufolge passen Weissbüschelaffen ihre Vokalisationen an jene ihres Partners an. Warum sie dies tun, ist jedoch noch nicht vollständig geklärt. „Bei vielen Arten scheint vokale Akkommodation mit sozialen Beziehungen zusammenzuhängen: Individuen, die miteinander kooperieren, werden sich oft auch in ihrer Lautgebung ähnlicher“, erklärt Nikhil Phaniraj.
Die Anpassung der Rufe könnte dazu beitragen, soziale Bindungen zu stärken und die Koordination zu erleichtern. Ebenso könnte dieses Phänomen es Dritten ermöglichen, ein Paar als solches zu erkennen. „Um dies zu bestätigen, sollten künftig weitere Untersuchungen durchgeführt werden, etwa mithilfe von Playback-Experimenten“, ergänzt der Forscher.
Das Team untersucht nun, was geschieht, wenn ein Mitglied eines Paares die Rufe seines Partners nicht übernimmt. „Wir möchten nicht nur verstehen, wie vokale Akkommodation zustande kommt, sondern auch, wie andere Weissbüschelaffen reagieren, wenn vokale Erwartungen erfüllt oder verletzt werden“, sagt Nikhil Phaniraj.
Indem Forschende die biologischen und sozialen Mechanismen identifizieren, die der vokalen Akkommodation zugrunde liegen, können sie besser nachvollziehen, wie dieser Prozess die Grundlage für weiterentwickelte Formen des vokalen Lernens beim Menschen geschaffen haben könnte.
