Wie Russmangaben die Ursprünge der Syntax enthüllen
Syntax ermöglicht es uns, Laute zu Wörtern und Wörter zu Sätzen zu Folgen zu kombinieren, die nahezu unendliche Bedeutungen tragen können. Aber wie lange gibt es diese Fähigkeit schon? Forschende der Universität Neuenburg, der Universität Lyon 1 und des NFS Evolving Language haben dieses Merkmal bei Russmangaben untersucht.
von NCCR Evolving Language
Um das Rätsel des Sprachursprungs zu lösen, untersuchen Forschende die Kommunikation nicht‑menschlicher Tiere. Wenn sie feststellen, welche Merkmale wir mit anderen Arten teilen, können sie rückschliessen, was bereits bei älteren gemeinsamen Vorfahren vorhanden gewesen sein könnte. Ein zentrales Merkmal menschlicher Sprache ist die Syntax, die es uns ermöglicht, Laute zu Wörtern und Wörter zu Sätzen zu verknüpfen. Dieser Prozess erlaubt es uns, eine unendliche Vielfalt von Bedeutungen zu erzeugen. Viele Arten können Folgen aus Lauten, welche ein Bedeutung tragen, bilden, etwa Wale oder Primaten. Doch unser Verständnis darüber, wie weit verbreitet diese Fähigkeit innerhalb des gesamten Lautrepertoires ist, bleibt begrenzt.
Das gesamte Lautrepertoire der Russmangaben
Über ein Jahr lang beobachteten Auriane Le Floch und Kolleg:innen Russmangaben im tropischen Wald der Côte d’Ivoire. Sie folgten und beobachteten zwei an Menschen gewöhnte (habituierte) Gruppen mit jeweils über 70 Individuen und zeichneten deren Rufe sowie die jeweiligen Kontexte auf.
„Wir mussten der Gruppe ab dem Moment folgen, in dem sie aufwachte und sich zu bewegen begann, also vor 7 Uhr morgens, bis sie gegen 18 Uhr schlafen geht“, erklärt Le Floch. Die einzelnen Tiere zu erkennen, sei anfangs recht schwierig gewesen. „Glücklicherweise arbeiten wir eng mit örtlichen Feldassistenten zusammen, die Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet sind. Nach einem Monat konnten wir die Individuen klar unterscheiden.“
Mit diesem Datensatz von über 2’000 Aufnahmen konnten die Forschenden die Syntax analysieren, also die Regeln, die der Kombination mehrerer Rufe zugrunde liegen. Ihre Ergebnisse zeigen: Von den zehn bekannten Rufarten der Russmangaben wurden acht mindestens einmal kombiniert. Dennoch nutzen die Tiere vor allem einige wenige Sequenztypen. Weibchen kombinierten hauptsächlich Grunzer mit Zwitschern, Männchen hingegen vor allem schrille Rufe mit „Hoos“.
„Innerhalb dieser Teilmenge folgen bestimmte Sequenzen sehr genauen Regeln welche über die Reihenfolge und die Wiederholungen“, sagt Le Floch. Aus der Analyse des gesamten Repertoires ergaben sich mehrere syntaktische Muster: Schrille Rufe standen konsistent an erster Stelle, „Hoos“ an zweiter. Grunzer standen meist am Anfang, Zwitschern am Ende. In wiederholten Sequenzen, die mit einem Grunzer begannen (also mehrere Grunzer und mehrere Zwitschern enthielten), endete die Folge ebenfalls mit einem Grunzer, während solche Regeln nicht galten, wenn die Sequenz mit einem Zwitschern begann.
„Wir benötigen weitere umfassende Studien über das gesamte Lautrepertoire, zusammen mit den jeweiligen Produktionskontexten, um das volle Spektrum syntaktischer Fähigkeiten einer Art zu verstehen“, so Le Floch. Tatsächlich kann ein tieferes Verständnis der syntaktischen Regeln das Potenzial für eine Erweiterung der Bedeutung bieten. Es ist ein entscheidender Ansatz, um zu untersuchen, ob Sequenzstrukturen neue Bedeutungen hervorbringen können oder nicht.
Bedeutung durch Sequenzen vermitteln
Nun untersuchten die Forschenden anhand der Aufnahme‑Kontexte, ob die Rufsequenzen der Russmangaben bedeutungstragende Kombinationen oder lediglich zufällige Lautketten waren. In der Tierforschung kann der Kontext der Produktion eines Rufs als Hinweis auf seine Bedeutung dienen.
Die Analysen zeigten, dass manche Sequenzen empfindlich gegenüber der Reihenfolge waren: Bei Weibchen wurden Grunzer, Zwitschern und Grunz‑Zwitscher‑Kombinationen typischerweise in Fresskontexten produziert, während Zwitscher‑Grunzer meist in Situationen der mütterlichen Zuwendung vorkamen. Wiederholte Sequenzen (Zwitscher‑Grunzer‑Zwitscher …) traten ebenfalls häufiger in solchen sozialen Interaktionen auf, was darauf hindeutet, dass sie an der Bedeutungsbildung beteiligt sein könnten.
„Diese Regeln scheinen besonders bei sozialen Interaktionen zwischen Weibchen entscheidend zu sein“, sagt Le Floch. „Wenn ein Weibchen ein Jungtier trägt, möchte es durch diese spezifischen Sequenzen friedliche Absichten signalisieren.“
Manche Sequenzen konnten aufgrund geringer Fallzahlen nicht vollständig analysiert werden, etwa solche, die während aggressiver Interaktionen oder bei Gefahr – zum Beispiel in Gegenwart eines Raubtiers – produziert werden. Auch sei bislang unklar, wie die Empfänger die Sequenzen verstehen. Um diese Lücken zu schliessen, könnten Playback‑Experimente, bei denen bestimmte Sequenzen abgespielt und die Reaktionen der Affen gemessen werden, oder Experimente mit Raubtierattrappen hilfreich sein. Diese Verfahren seien jedoch zeitaufwendig und im Freiland schwierig umzusetzen, aber eine wertvolle Ergänzung zur Analyse des gesamten Repertoires.
Von tierischer zu menschlicher SpracheFrom animal to human language
Eines der zentralen sprachlichen Merkmale, das in der Studie untersucht wurde, ist die Kompositionalität. „Sie ist definiert als der Fall, dass sich die Bedeutung einer Sequenz aus den Bedeutungen ihrer Bestandteile und der Art und Weise, wie diese kombiniert werden, ableiten lässt“, erklärt Auriane Le Floch. Dieses Merkmal wird in der menschlichen Sprache häufig genutzt, um Bedeutungen zu erzeugen. Diese erstaunliche Fähigkeit ist bei nichtmenschlichen Tieren jedoch selten zu beobachten. Bei den Russmangaben stellten die Forschednen jedoch fest, dass gewissen Lauffolgen Kompositionalität aufweisen.
„Unsere Ergebnisse stützen die Annahme, dass die Verwendung kombinatorischer Regeln zur Bedeutungsmodifikation bereits beim gemeinsamen Vorfahren von Menschen und afro‑eurasischen Affen vor rund 30 Millionen Jahren vorhanden gewesen sein könnte“, sagt Le Floch. In früheren Studien wurde diese Fähigkeit vor allem bei Alarmrufen beobachtet. Doch nur bei Schimpansen und Bonobos scheint Kompositionalität bisher breiter über das ganze Repertoire hinweg genutzt zu werden. Dies deutet darauf hin, dass ihre breitere Anwendung eine jüngere Entwicklung innerhalb der Hominiden ist, also bei Menschenaffen und Menschen vor etwa 8 Millionen Jahren.
Das Team betont, dass es besonders lohnend sei, soziale Faktoren der Sequenzproduktion weiter zu untersuchen, insbesondere bei affiliativen Interaktionen zwischen Weibchen, die ein Jungtier tragen. Die Bewältigung sozialer Interaktionen wird als wichtiger Motor in der Evolution komplexer Kommunikation betrachtet. Ein besseres Verständnis der Rolle sozialer Dominanz in solchen Sequenzen könnte wertvolle Einblicke in die Entstehung menschlicher Sprache liefern.
